Mutter Sprache: Fering

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Heie starrt seine Großmutter an. „Ik snaake äners, he“, flüstert sie ihm ins Ohr: Ich klinge ganz anders, nicht? Sobald sie Deutsch spricht, zieht Heie sein kleines Stupsnäschen kraus. Ungewohnt klingt Deutsch in seinen Ohren. Das mag der sieben Monate alte Junge nicht. Heies Muttersprache ist Fering – wie bei Großmutter Enken Tholund. Und das ist gut so, sagt sie.

Tholund leitet den Kindergarten in Süderende auf der Nordseeinsel Föhr. Sieben von zehn Kinder dort reden nur Fering. Wer das nicht kann, muss es lernen. „Wenn alle Deutsch sprechen und einer dazwischen ist, der nur Englisch kann, dann zwinge ich auch nicht alle anderen, nur Englisch zu sprechen. Warum sollte ich das tun?“ Für Tholund ist Fering Alltag, Normalität. Und hier in Süderende, spricht man es mit den Nachbarn, beim Bäcker, Schilder sind zweisprachig. Süderende – Söleraanj.

Viele harte Konsonanten, T’s und K’s, das R wird über den Gaumen gerollt. Anleihen im Dänischen, im Englischen. Schuuk kommt von cheek, der Wange. Cheese ist sees, green bleibt green – mit rollendem R und langem E. Fering ist reich an Bauernwörtern, Bezeichnungen für Vieh, für Werkzeug. Weshalb Fering auch als Bauernsprache verunglimpft wird. „Aber ich bin stolz darauf, eine Bauerntochter zu sein“, sagt Enken Tholund.

Der Fering-Unterricht im Kindergarten sei freiwillig, aber da mache man mit, das sei einfach so, das gehöre dazu. Fering integriert, verbindet, sagt die Kindergartenleiterin. „Da denk ich gar nicht groß drüber nach.“ Bis sie in die Grundschule kam, sprach sie selbst nur Fering, erinnert sie sich. „In der Pause mussten wir heimlich zu einem Lehrer und fragen, was dieses oder jenes hochdeutsche Wort bedeutet, wir wussten es einfach nicht.“ Tholund lacht schelmisch.

Fering ist das Nordfriesisch der Föhrer, eine eigene westgermanische Sprache. Zwischen dem siebten und achten Jahrhundert bildete sie sich, verwurzelt im Englischen und im Dänischen. Die Hälfte der rund 8500 Inselbewohner spricht Fering im Alltag, schätzt die Ferring-Stiftung. Und nur im Westen der Insel. Im Osten dominiert Plattdeutsch, ein Dialekt, der mit dem Hochdeutschen verwandt ist.

Fering ist seit 200 Jahren unverändert. Neue Wörter? Zeitgeist? Nein. Ein Wort für Fernsehgerät oder Computer existiert nicht. Staubsauger heißt Stofsüga. Ein Feringer kann nicht traurig sein, ihm ist „schlecht zu mute“, so will es seine Sprache. „Der Friese redet dann einfach nicht darüber“, diagnostiziert Enken Tholund das friesische Gemüt. Dass Fering sich nicht der Zeit anpasst, stört sie nicht: „Es reicht, was wir an Wörtern haben.“ Wenige Wörter, wenige Schnörkel, kein höfliches Sie.

Mit Zugezogenen und Touristen breitet sich auch Hochdeutsch auf der Insel aus, kaum jemand in der Touristenstadt Wyk spricht Fering im Alltag. Die Besucher fänden das unhöflich, erzählt Tholund: „Sie wollen, dass man Deutsch mit ihnen redet, das mache ich aber nicht immer. Warum sollte ich?“ Fering gehöre dazu, zu ihr, zur Insel. Auf jedem Ortsschild sind die Namen auch auf Fering zu lesen. Cafés und Restaurants weisen darauf hin: „Her kaanst du Fering snaake“: Hier kannst du Fering sprechen. Und auch die Namen der Insulaner sind von ihrer Sprache geprägt: „Heie ist ein ganz, ganz alter Vorname, so hieß mein Großvater. Enken hingegen ist etwas moderner, aber Fering“, sagt Tholund.

Wenn Enken Tholund Deutsch redet, rollt sie das R, die Konsonanten sind hart. Sie lehnt sich in den Plastikstuhl auf ihrer Terrasse in Süderende, schwarzes Shirt, Shorts, Schlappen. In den Armen wiegt sie den Enkel. Der strampelt wild mit den Beinchen, greift in die Luft. „Ey, wat maadst dü ha?“ He, was möchtest du haben? Tholund greift nach dem Schnuller auf dem Gartentisch, steckt ihn dem Kleinen in den Mund: „Da, de Snuli.“ Da, dein Schnuller. Fering ist jünger als man denkt.

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