Eins fuffzich – dat muss

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Föhr – eine Insel, auf der jeder jeden kennt. Nur einen Mann kennt kaum jemand. Thore ist Muschelsammler. Hauptberuflich, aber nicht aus Leidenschaft. Wie ein Obdachloser die Vorzüge der Insel für sich nutzt.

Eine kleine Muschel. Einmal polieren. Ein kritischer Blick. „Eins fuffzich – dat muss!“ Dann wird weitergesucht. Mühsam stapft Thore durch den Sand, barfuß. Seine Füße sind verhornt, geschwollen. Unter den Fußnägeln hat sich schwarz der Schmutz abgesetzt, wie kleine Halbmonde fallen sie im weißen Sand auf.
Thore ist obdachlos. Thore ist arbeitslos.

„Erst war der Job wech, dann die Frau und meine Lebensfreude haben sie mitgenommen“, sagt Thore, fast wie zu sich selbst. Sein Blick ist fest auf den Strand gerichtet. Hin und wieder blickt er auf. Dann spiegelt sich die Vormittagssonne in seinen blauen Augen, die aus dem wettergegerbten Gesicht hell hervorstechen. Schöne Augen, aber voller Traurigkeit.
Eigentlich ist Thore Gastwirt. War es zumindest bis vor drei Jahren. Doch mit jeder Touristensaison, die zu Ende ging, wurden seine Zahlen roter. Damit ist er auf Föhr kein Einzelfall. Da die Insel fast ausschließlich vom Tourismus lebt, sind auch die Einnahmen saisonabhängig. Fahren die Touristen am Ende des Sommers, gibt es weniger Arbeit, weniger Geld.
So wie bei Thore.
Damals.

Jetzt sammelt Thore Muschen und verkauft sie an die Touristen. Auf einer alten Wolldecke sitzt er dann am Hafen auf einem Stück Wiese und preist seine Muscheln an, wie ein Kind auf dem Trödelmarkt. Immer freitags macht er das, wenn viele Urlauber abreisen und die Fähre im Hafen nehmen. Heute ist Sonntag, Sammeltag.

„Hier, die großen Weißen. Die mit der glatten Kante, die kann ich für 2 Euro verkaufen, alle anderen für Eins fuffzich“, erklärt er: Sein Überlebenskonzept. Mittlerweile weiß er genau, wo er die besten Muscheln findet und kennt die Favoriten der Touristen.
Der verdreckte Jutebeutel, in dem sich die Muscheln mit einem unangenehm schabenden Geräusch aneinander reiben, ist für Thore, wie seine Schatztruhe. Locker baumelt er von Thores rechtem Handgelenk, denn viel hat er bisher nicht gefunden. „Willkommen in der friesischen Karibik“ ist darauf zu lesen. Beinahe ironisch.

1 Stunde, 2 Kilometer Sandstrand, 2 verkaufsfähige Muscheln.
Eine Spur von Fußstapfen führt durch den feuchten Schlicksand. Hier, wo nachmittags Kinderfüße und Touristen das Watt zertrampeln, findet Thore besonders schöne Muscheln.
Rechts. Links. Rechts. Links.

Manchmal sind die Abdrücke tiefer, dort, wo Thore eine Muschel entdeckt hat.
391 Euro Arbeitslosengeld bekommt Thore monatlich. Zu wenig, um auf einer Insel wie Föhr zu überleben, auf der schon eine Kugel Eis 1,20 Euro kostet. 391 Euro, 50 Euro Muschelgeld, 60, wenn die Woche gut läuft. Davon zahlt Thore die Hälfte einem alten Freund, in dessen Gartenhaus er leben darf. „Weiß aber keener, ist ja alles schickimicki und etepetete hier auf der Insel“. Traurig schüttelt Thore den Kopf. Drei Notunterkünfte für Obdachlose gibt es auf Föhr, sechs Container und ein Holzhaus. Allein in Wyk könnten dort 20 Leute leben – Thore möchte das nicht. Zu traurig, meint er, zu weit weg von seinem alten Leben.

„So viel Stolz hab ich mir noch im Herzen bewahrt“, betont er. Und sein Herz sei groß, Irgendwo unter dem türkisblau seiner Fließjacke mit den hochgeschobenen Ärmeln. Es ist ihm wichtig, dass die Menschen das wissen.
Auf dem Festland wäre es für ihn einfacher, aber auch dorthin möchte er nicht. Dabei ist es auf der Insel, schwer, wieder Fuß zu fassen. 1868 Arbeitslose gab es 2013, und nur 207 freie sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Keinen davon für Thore – mit seinen 53 Jahren ist er zu alt. Dass er damit Symbol für einen Trend ist, der allen Insulanern Sorgen macht, weiß Thore nicht. Denn der Arbeitslosenanteil der über 50-Jährigen steigt seit mehreren Jahren deutlich.
Wer keinen Job findet, der geht. Aufs Festland. Oder Muscheln sammeln.

Thore bleibt.
„Ich gehe nich’ wech’ hier. Bin hier geboren, aufgewachsen, hier kannste von mir aus meine Asche in den Wind streuen, aber wechgehn, niemals, Lütje“, sagt er fast trotzig. Und streicht sich mit der Hand eine der zu langen, braun-graumelierten Haarsträhnen aus dem Gesicht.

Rechts. Links. Rechts. Links. Ein Fuß vor den anderen, der Blick auf dem Boden. Kurz hält Thore inne, kratzt sich am Kopf. Ihm ist etwas eingefallen.
„Iss’ ja nich so, als hätt ich’s nich gern anders. Ich hab ja auch gekämpft. Zumindest anfangs.“
Er pult sich mit dem Finger ein Stück Was-auch-immer aus dem Ohr. Betrachtet es kurz. Schnippt es weg.
„Aber watt nich is, is halt nich.“

14:00 Uhr: Pause für den Muschelsammler. Ein Fleck im Sand, so gut wie jeder andere. Ein Halligbrot mit Nordseekraben und viel Mayonnaise, so mag es Thore am liebsten. 3,70 Euro kostet es, umgerechnet 2 ½ Muscheln.
Während des Essens hält Thore sein Gesicht in die Sonne. Es ist gegerbt von tiefen Falten, die von einem Leben erzählen, das nicht immer einfach war. Reden tut er kaum.

Viel Zeit zum Pause machen gibt es nicht. Dabei hat Thore keine Uhr, seine Pause ist immer so lang wie sein Halligbrot. Kaum ist die letzte mayonnaisegetränkte Nordseekrabbe vertilgt, geht die Sammelei weiter.
Thore erhebt sich und klopft sorgfältig den Sand von den Beinen, die in einer abgeschnittenen Jeans-Hose stecken.
Used-washed-look. Topmodern? Nein, nur ausgeblichen durch zu häufiges Tragen.
G-Star-Raw sagt das Etikett, eine Erinnerung an alte Zeiten.
Über die redet Thore nicht gerne.
„Irrelevant“, meint er achselzuckend.
„Warum ans Gestern denken, wenn mir das Heute schon Sorgen macht?“

Gestern. Heute. So teilt Thore sein Leben auf. An ein Morgen denkt er nicht.
Aber Zeit zum Träumen, die nimmt sich Thore trotzdem manchmal. Dann ist er nicht mehr Thore der Muschelsammler, sondern Thore, der Familienvater. Verbringt den Pfingstsonntag mit seiner Familie auf einem kleinen Segelbötchen, gekauft von Einkünften, die sein Gasthof abwirft. Er lenkt das weiß glänzende Prachtstück, seine Frau Astrid macht Schnittchen, Parmaschinken. Käse. Ein Gewürzgürkchen. Die Kinder Fynn und Anni spielen Pirat. „Willkommen in der friesischen Karibik.“

Langsam legt Thore Meter für Meter am Strand zurück. Er ist kein Mann der vielen Worte und am liebsten ganz allein unterwegs. Die vielen Touristen, die in bunten Strandmuscheln und schicken Strandkörben seinen Weg säumen hat er längst gelernt zu ignorieren. Sie gehören zur immerwährenden Kulisse seiner Sammeltour, wie die Fußspur, die hinter ihm immer länger wird.
Lang wirft sich sein Schatten hinter ihn, holt ihn im Laufe des Tages ein, abends überholt er ihn.

Rechts. Links. Rechts. Links.
Eine Muschel. Einmal polieren. Ein kritischer Blick. „Eins fuffzich – dat muss!“

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