„Was bleibt, wenn nicht die Erinnerung?“

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Eigentlich wollte Annegret nur einkaufen fahren. Um die Ecke zu REWE. Mit ihrem kleinen, blauen Polo, so wie immer. Doch als sie aus dem Auto steigt, ist alles anders. Fast schon verloren steht Annegret auf dem Parkplatz in Düsseldorf-Unterbilk. Verwirrt blickt sie sich um, sieht Menschen geschäftig umherlaufen, alle mit einem Ziel. Nur sie hat keins.
Eine Woche später sitzt die 64-Jährige im Wartezimmer ihres Hausarztes. Verwirrt, verloren, überfordert, mit einem Mann an ihrer Seite, der zwar tröstend ihre zitternde Hand hält. Die Diagnose: Alzheimer. Ein Tag, der ihr Leben in zwei Teile teilt: Vor und nach der Krankheit.

„Ich habe keine Angst vor dem Tod. Aber vor einem Leben ohne Würde.“

„Ich habe Angst, mich selbst zu vergessen. Man kennt das ja, Verfall im Zeitraffer“, sagt sie und lächelt traurig. Deswegen versuche ich jetzt, jede Sekunde so intensiv zu erleben, wie es nur geht.“
Dass es geht, will sie mir beweisen und lädt mich ein zu einer Reise durch ihren Alltag. Wir verabreden uns bei ihr zu Hause, einer kleinen Stadtwohnung. Düsseldorf, Unterbilk.
Eckhaus in einer Seitenstraße, fünfter Stock.
Draußen rauscht die Straßenbahn, 708, 709, im Zehnminutentakt.
Drinnen tickt eine Uhr, um Punkt zwölf ein Kuckuck.

Sie empfängt mich zu Kaffee und Kuchen in ihrem Wohnzimmer. Polstersessel stehen dicht nebeneinander, und allerlei Krims-Krams lässt den Raum vollgestopft und gemütlich zugleich wirken. Ich kann nicht anders, als mich ein wenig beengt zu fühlen.
Die Wände zieren Fotografien von lächelnden Menschen. Annegret und ihr Mann, Kinder, Freunde, manche schwarz-weiß, andere in Farbe. Während wir ihren selbstgebackenen Erdbeerkuchen essen und aus zartem Porzellan schwarzen Kaffee trinken, schweigen wir uns noch ein bisschen befremdlich an.
Eine Postkarte fällt mir ins Auge, die an einer Pinnwand über dem Sofa hängt. „Man sollte viel mehr Zeit mit glücklich sein verbringen.“
Annegret fängt meinen Blick auf. „Mein Lebensmotto“, sagt sie. „Die Karte hat mir mein Sohn mal geschenkt, sie hängt dort seit gut neun Jahren. Jetzt hat der Spruch auf einmal eine ganz andere Bedeutung.“

Wenn Annegret lächelt, zerfällt ihr Gesicht in kleine Falten, als hätte jemand einen Kieselstein in eine Pfütze geworfen.
Nervös schiebt sie ihre runde rote Brille nach oben, die ihr immer wieder auf die Nasenspitze rutscht. Plötzlich verändert sich ihr Blick, wird trüb, als ziehe sie sich zurück. Nach innen.
Empört klirrt der Unterteller aus teurem Porzellan, als Annegret ruckartig ihre Tasse darauf abstellt. „Wer sind Sie und was machen Sie in meiner Wohnung?“, fragt sie, beinahe böse. Mindestens genauso verwundert starre ich zurück, kurz verwirrt, dann ein bisschen ängstlich. Dann begreife ich. Sie hat es vergessen. Ich erkläre ihr noch einmal, warum ich gekommen bin. „Ach ja“, sagt sie leise. „Stimmt.“
Dir Uhr schreit leise „Kuckuck“.

Annegret ist kein Einzelfall. Rund 1,2 Millionen Menschen leiden in Deutschland an Alzheimer. Heilbar ist die Krankheit nicht, die nach und nach die Gehirnregionen angreift. Zu den Symptomen gehören Gedächtnisverlust, Verlust der Sprachfähigkeit und des Urteilsvermögens, weitgehende Veränderungen der Persönlichkeit sowie starke Stimmungsschwankungen.
Ihre Krankheit habe ganz langsam angefangen, erzählt Annegret. Einmal habe sie in der Bahn gesessen und nicht mehr gewusst, wo sie hinfahren wollte. Dann sei sie einfach bis zur Endstation gefahren und wieder zurück. Ein anderes Mal habe sie sich Badewasser eingelassen und dann vergessen, den Hahn zuzudrehen. Kleinigkeiten, die sich summierten.

„Wissen Sie wovor ich Angst habe?“, fragt mich Annegret und diesmal lässt sie ihre Brille auf der Nasenspitze sitzen, als hätte sie keine Kraft, sie noch schon wieder hochzuschieben. „Man liest doch immer, vor dem Tod ziehen die schönsten Erinnerungen eines Lebens am inneren Auge vorbei. Was sehe ich dann, wenn ich sterbe und keine Erinnerungen mehr habe?“
Seit 15 Jahren spielt sich Annegrets Leben in Düsseldorf ab, in jener kleinen Wohnung, in der wir jetzt zusammen sitzen. Hier hat sie ihre beiden Söhne großgezogen, die 30 und 34 Jahre alt sind. Hier hat sie auch ihre Enkelkinder die ersten Schritte machen sehen. Daran denkt die Rentnerin noch gerne zurück.

„Wenn ich mich an Dinge erinnere oder neue Dinge erlebe, achte ich jetzt viel stärker auf Details“, erzählt sie mir. Manchmal schreibe ich kleine Geschichten auch auf, dann sind sie sicher, schwarz auf weiß und für die Ewigkeiten. Nur für den Fall, dass sie jemand lesen will und ich sie nicht mehr erzählen kann.“

Ich will. Und lese Geschichten, die eher kleine Anekdoten aus dem Alltag sind, von missratenen Kuchen, bis zur Nachbarin, deren Wellensittich ihr auf den Kopf gekackt hat. Anekdoten eben, die man sich auf Familienfeiern gerne mal erzählt.
Annegret hat mit dem Lesen angefangen und sich sogar DVD aus der Bücherei ausgeliehen. Als wolle sie ihren Kopf mit Erinnerungen füllen, wie einen Topf, der dadurch niemals leer wird. „Was bleibt, wenn nicht die Erinnerung?“, sinniert Annegret. Und je mehr sie davon habe, desto besser.

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