Gefangen im Hamsterrad

knowledge-1052010_1280Ja, wir sind es, wir bekennen uns. Generation Y. Generation „schneller, besser, ausgebildeter“. Generation Praktikum.
Wir sind die, die stark sein wollen und immer individueller. „Sich ein Profil schaffen“, „sich von der Masse abheben“, sind die Credos, mit denen wir aufgewachsen sind.
Und wir machen diesen Wettlauf mit, meistens bedingungslos, meistens ohne ihn zu hinterfragen. Haben wir eine andere Wahl? „Nein“, antworten wir uns selber und machen weiter. Es hilft ja nichts. Es ist eben so. Ist es das?

Sollten wir nicht manchmal innehalten und einfach uns selber uns selber sein lassen? Wir streben permanent nach Individualität und nach einer eigenen Persönlichkeit und je mehr wir danach streben, desto häufiger bleibt sie auf der Strecke. Wir sind angepasster, als jede Generation vor uns, dabei wollen wir doch gerade das vermeiden.

Wenn uns jemand fragt „Wer bist du und was macht dich aus?“ könnten wir unsere Lebensläufe zeigen. Sechs Sprachen, zwei Auslandssemester und zahlreiche Praktika, „Dankeschön.“

Doch wer sind wir wirklich?
Wir haben verlernt, diese Frage aus dem Bauch heraus zu antworten. Nicht umsonst nehmen immer mehr Studenten sich nach ihrem Bachelor ein Jahr lang eine Auszeit um sich zu fragen, wohin sie wollen und was sie wirklich mit ihrem Leben erreichen wollen. Dass es soweit kommen konnte, ist niemandes Schuld, außer unsere eigene. Wir haben die Warnzeichen überhört, als sie noch so deutlich waren wie eine Autohupe und haben einfach weitergemacht. Praktikum für Praktikum, Sprachkurs für Sprachkurs. Wer sich die Lebensläufe von Masterabsolventen anschaut, stellt eines fest: Dagegen ist der Rüstungswettlauf im Kalten Krieg ein Kinkerlitzchen: besser, schneller, ausgebildeter. Oder sollte es heißen: besser, schneller – langweiliger?
Anstatt das zu machen, worauf wir Lust haben und Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen, planen wir unser Leben, wie kaum eine Generation vor uns. Praktikumsentscheidungen fallen nach Prestige der Praktikumsgeber, Sprachen müssen exotischer sein und die Regelstudienzeit wird bestenfalls noch überboten.
Ich wechsle nun vom „wir“ ins „ich“.

Ich weiß wovon ich hier schreibe, ich bin ein Teil davon. Und die Kritik, die ich äußere, ist eine an mir selber. Ich stecke mit im Hamsterrad und drehe meine Runden, Kreis um Kreis.
Fragt mich jemand „Hast du Zeit?“ gebe ich die Frage an meinen Terminkalender weiter und der sagt meistens „Sorry, nur zwischen 22 und 23 Uhr oder morgens vor 7.“
Ich musste lernen innezuhalten und das Hamsterrad zum stehen zu bringen. Anstatt immer nur nach vorne zu hetzen, einfach mal auf der Stelle stehenzubleiben und mich umzugucken. Wir verpassen so viele schöne Momente. Und verschwinden in der Masse.

„Widmet man jedenfalls seine Existenz dem Gefallen wollen und nimmt deshalb alle möglichen coolen Persönlichkeitsmerkmale an, die gerade gefallen, dann hat man es wohl aufgegeben, als derjenige geliebt werden zu wollen, der man wirklich ist“, schrieb der Autor Jonathan Franzen in seiner Essay-Sammlung „Weiter Weg“ und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Anstelle uns Individualität schaffen zu wollen und sie damit kaputt zu machen, sollten wir uns einfach uns selber sein lassen. Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen. Mehr auf das Herz hören als auf den Kopf. Uns selber lieben, wie wir sind, und uns lieben lassen, wir wir sind. Und wenn wir das Gefühl haben, uns zu verlieren, uns nicht mehr selber treu zu sein und Idealen hinterherzulaufen, die eigentlich nicht unsere eigenen sind. Ab und zu hilft es, sich zu fragen: Wer bin ich? Wer will ich sein? Und vor allem: Mache ich mich glücklich?

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