Im Niemandsland

IMG_76601-680x453Jerusalem im Westen, die Westbank im Osten. Dazwischen eine Mauer – und Problemviertel wie Kufr aqab. Hier wohnen palästinensische Paare wie Noura und Khalid. Ihre Liebe ist groß, aber räumlich begrenzt. Weil sie unterschiedliche Personalausweise haben, dürfen sie nur hier zusammen leben.

Youri, drei Monate alt. Ein Baby, das nicht existiert. Zumindest nicht auf dem Papier. „Vor drei Monaten wollte ich sie in meinen Pass eintragen“, sagt ihr Vater. „Die israelische Behörde hat verweigert – jetzt warte ich immer noch auf einen Rückruf.“
Khalid Aramin ist 30 Jahre alt und kommt aus Ostjerusalem. Wenn er von seiner kleinen Familie erzählt, blickt er oft zu seiner Frau Noura Abu Madi herüber. Die beiden sind eines der vielen palästinensischen Ehepaare mit unterschiedlichen Rechten. Vor einem Jahr haben sie geheiratet. Beide ahnten schon damals, auf was sie sich einließen. Wie schwierig es tatsächlich ist, merken sie jedoch erst jetzt.Ihre größten Probleme sind blau und grün. Diese Farben haben die Personalausweise der Bewohner in Ostjerusalem und der Westbank. Und mit ihnen sind unterschiedliche Rechte verbunden. Wer einen grünen Ausweis besitzt, so wie Noura, darf sich nur innerhalb der Westbank frei bewegen und dort wohnen. Den Checkpoint und die israelische Befestigungsanlage überqueren und nach Jerusalem reisen, kann sie jedoch nicht.

Khalid dagegen besitzt einen blauen Personalausweis und hat somit mehr Rechte. Er darf sich in Ostjerusalem frei bewegen und dort wohnen und auch in die Westbank reisen.
Wenn nun ein Palästinenser aus Jerusalem eine Palästinenserin aus der Westbank heiraten will, können sie weder in Jerusalem legal zusammen wohnen noch im Rest der palästinensischen Gebiete. Seit der Eroberung von Ostjerusalem durch Israel im Jahr 1967 gibt es diese verschiedenfarbigen Pässe. Die damaligen palästinensischen Einwohner der Stadt durften nach der Annexion zwar in der Stadt wohnen bleiben, wurden aber nicht als ordentliche Bürger anerkannt.
Stattdessen leben sie mit dem Status des „dauerhaften Einwohners“ – und mit unterschiedlichen Papieren. Zusammenzuziehen ist zwar prinzipiell möglich. Laut dem israelischen Innenministerium konnten zwischen 1967 und 2003 bis zu 140.000 Palästinenser aus der Westbank zu ihren Ehepartnern nach Ostjerusalem ziehen. Auch andersherum ist eine Familienzusammenführung generell möglich, doch dann läuft der Ehepartner aus Ostjerusalem Gefahr, seinen blauen Pass zu verlieren und damit auch große Teile seiner Rechte.

Nach dem Ausbruch der zweiten Intifada im Jahr 2000 verschärfte sich die Situation erneut. 2003 verabschiedete Israel ein „Gesetz über die Nationalität und die Einreise nach Israel“. Alle Anträge auf Zusammenführung der Familien wurden eingefroren. Zudem verbietet das neue Gesetz Palästinensern aus der Westbank, zu ihrem Ehepartner nach Ostjerusalem zu ziehen. „Gemischte“ Paare wie Noura und Khalid können seitdem nur noch in speziellen Gebieten wohnen. Kufr aqab ist eines davon. Hier leben sie, damit Khalid seinen blauen Ausweis nicht verliert, der es ihm ermöglicht, nach Jerusalem zu reisen. Eher eine Notlösung als ein Kompromiss. „Als palästinensische Bürger haben wir vor allem einen Traum: Unsere Rechte wiederzubekommen. Und zu diesen Rechten gehört auch, frei entscheiden zu dürfen, wo in Palästina wir leben wollen“, erzählt Khalid, der jeden Morgen mit dem Bus in die Westbank fährt, um dort Kindern Oud beizubringen, eine Art arabische Gitarre.

Kennengelernt haben sich Noura und Khalid bei einem Konzert in der Universität von Birzeit. Sie ist Sängerin, er spielt Oud. „Vom ersten Moment an haben wir gefühlt, dass uns mehr verbindet als nur die Musik“, erzählt Kahlid. Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen. Mit diesem Blick begannen ihre Probleme: „Jeder Schritt war kompliziert. Unsere Beziehung, die Verlobung, die Hochzeit“, sagt Khalid. Die einzige Hoffnung während dieser schwierigen Zeit sei die Gewissheit gewesen, dass ihre Beziehung stärker sein würde als die zahlreichen Probleme. Wenn Khalid von Noura spricht, verknoten sich seine schlanken Finger, die den Seiten der Oud so wunderbare Töne entlocken können, und immer wieder schleicht sich ein kleines, unsicheres Lächeln auf sein Gesicht, als sei es ihm unangenehm, vor seine Frau so viele Gefühle preiszugeben.
„Meine Eltern haben mir geraten, mir die Hochzeit gut zu überlegen“, erzählt Noura. Sie hätten Angst gehabt. Davor, dass sie ein Leben im Niemandsland leben muss, vor vielen Komplikationen.
Nicht nur das Leben der kleinen Familie ist kompliziert, auch Besuche der Schwiegereltern müssen lange im Voraus geplant werden. Von einem spontanen Sonntagsbrunch mit der gesamten Familie wagen Noura und Khalid nicht einmal zu träumen.

„Mein größter Traum ist es, irgendwann in Frieden zu leben, ganz egal wo“, sagt Noura. Sie wiegt die drei Monate alte Youri in ihren Armen. Die ist warm eingepackt, in zwei pinkfarbene Decken, und trägt eine dicke Jacke und eine Wollmütze, so kalt ist es in der Wohnung. Die Wände sind dünn und die Fenster nicht dicht, laut heult der Wind ums Haus. Einen kleinen Heizofen können sich Noura und Khalid leisten, doch drei Räume können sie damit nicht heizen. Wenn die beiden zu Hause sind tragen sie meist Mütze und dicke Socken um der Kälte zu trotzen. Zweimal musste das Interview im Vorfeld verschoben werden, beide Male hatte Youri Husten. In Deutschland wäre das ein Wehwehchen, für Noura und Khalid jedoch ist es ein Grund zur Besorgnis. Sollte Youri ernsthaft krank werden, wird es schwierig für die beiden jungen Eltern, denn ohne eine offizielle Registrierung beim israelischen Innenministerium können Noura und Khalid ihre Tochter nicht krankenversichern.

Von ihrem Balkon im vierten Stock können Khalid und Noura in der Ferne die israelische Sperranlage erkennen, die sich wie eine graue Schlange durch das Land zieht, immer wieder unterbrochen von Militär-Checkpoints.
Hier endet die Bewegungsfreiheit von Noura. Ihre größte Angst: Dass sich niemals etwas verändert. Dass ihre kleine Familie ihr Leben in einem Stadtviertel zwischen Israel und Palästina verbringen muss, in dem das Wasser nach Regentagen zentimeterhoch auf den unbefestigten Straßen steht, in dem immer weiter gebaut wird, obwohl kaum noch Platz ist, und in dem sich Abfallhaufen und Müll türmen. Doch eine Lockerung der Gesetze ist bislang nicht in Sicht. Im Gegenteil: 2006 erklärte der Oberste Gerichtshof das „Gesetz über die Nationalität und die Einreise nach Israel“ für offiziell gültig. 2012, nach zahlreichen Klagen betroffener Familien, betonte es erneut, das Gesetz sei verfassungskonform.
Die israelische Militärregierung begründet die Situation mit Sicherheitsargumenten. Das Recht ihre Familien zusammen zu führen, sei nicht Teil der Rechte, die Palästinensern zugesprochen werden, heißt es in einem offiziellen Statement der israelischen Regierung. „Dass so viele Palästinenser einen Antrag auf Familienzusammenführung stellen, zeigt, dass sie hinter dem Rücken Israels versuchen, ihr Recht auf Rückkehr durchzusetzen“, begründete der israelische Innenminister Eli Yishai 2003 den endgültigen Stopp der Zusammenführungen.

Gerne schauen sich Khalid und Noura ihre Hochzeitsfotos an. Dann blättert sie bedächtig die laminierten Seiten in dem großen unhandlichen Fotoalbum um, und er kann zu jedem Bild eine kleine Geschichte erzählen. Sie versinken beinahe in den dicken Polstern ihrer altmodischen grünen Couch, die ihr liebster Ort in ihrer kleinen Dreizimmerwohnung ist. Ihre Wohnung verlassen die beiden nicht oft. Da Khalid einen blauen Ausweis hat, kann er den Checkpoint nach Jerusalem passieren. Für Noura ist dagegen an der Grenze von Kufr aqab Schluss. Dort warten die Mauer und der Kalandia-Checkpoint. Wenn Youri später einmal in Jerusalem zur Schule gehen soll, kann Noura sie nur bis zum Checkpoint begleiten. In die Westbank können beide ungehindert reisen, für Khalid ist es jedoch verboten, sich dort dauerhaft niederzulassen und zu wohnen.
„Für meine Tochter wünsche ich mir später ein anderes Leben“, erzählt Khalid. Vor seinem Mund bilden sich beim Sprechen kleine Atemwölkchen wegen der Kälte. „Sie soll fern von all den Probleme aufziehen. Mir ist sogar egal, welche Farbe ihre ID später hat. Aber sie soll ein besseres Leben haben, dafür will ich kämpfen.“
Ein besseres Leben, weit weg von Kufr aqab. Da das Viertel zu Jerusalem gehört, aber durch eine Mauer von der Stadt getrennt ist, können israelische Polizisten nicht in die Stadt, um für Ordnung zu sorgen. Polizisten aus Ramallah oder einem anderen Ort in der Westbank müssten erst einen Antrag bei der israelischen Regierung stellen, um sich der Stadt anzunehmen. Meist werden diese Anträge jedoch abgelehnt. Entsprechend hoch ist die Kriminalität in der Stadt, Drogen kursieren und es gibt weder ein Nahverkehrssystem noch eine funktionierende Infrastruktur. Obwohl sie keine Dienstleistungen von der israelischen Regierung bekommen, müssen die Einwohner von Kufr aqab Steuern an Israel zahlen – arnona, die Gemeindesteuer.

Trotzdem steigen die Einwohnerzahlen stetig. Wie viele Menschen genau in der Siedlung wohnen, ist schwer zu schätzen, da sich weder die palästinensische noch die israelische Seite sich für Volkszählungen verantwortlich fühlt. „Immer wieder treffe ich hier alte Bekannte, von denen ich nicht wusste, dass sie auch in Kufr aqab wohnen“, sagt Noura. Da die Zahl der Bewohner stetig steigt, wird auch immer weiter gebaut. Jedoch nur in die Höhe, horizontal ist das Wohngebiet in Kufr aqab durch die Mauer begrenzt. „Niemand weiß genau, wer hier eigentlich wohnt“, ergänzt Khalid. „Man will uns am liebsten vergessen.“ Eigentlich existiert also auch Kufr aqab nicht – ebensowenig wie Youri auf dem Papier.

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