Gewissensfrage?

In unserer WG wird ein Zimmer frei. Ein Syrer bewirbt sich. „Are you a refugee?“, fragt mein Mitbewohner als Erstes. Wir sind neugierig auf den dunkelgelockten jungen Mann, der etwas unsicher in Winterjacke in unserer Küche sitzt. Was „refugee“ bedeuten soll, wisse er nicht, aber ja, er habe wegen des Krieges seine Heimat verlassen. Nachdem er in Malaysia, Thailand und Ägypten war, ist er seit sechs Monaten im Saarland – für ein besseres Leben.

Und deswegen sucht er nun Anschluss. Zum Deutschlernen. Um endlich anzukommen und etwas Neues aufzubauen. Gute Absichten, denken wir, und verfolgen ähnlich gute Absichten: Jemandem ein Zimmer anbieten, der eines sucht und der zu uns passt.

In den letzten Monaten haben wir viele Geschichten gehört und gelesen – über Flüchtlinge, von Flüchtlingen, über sogenannte „besorgte Bürger“ und auch den ein oder anderen besorgten Politiker. Und immer wieder sprang uns in den Medien das Wort „Integration“ entgegen. Nun saß vor uns jemand, der wollte integriert werden.

Schon vor dem Gespräch haben wir uns einige Gedanken gemacht – bürokratischer und organisatorischer Art. Kann ein Flüchtling einfach so umziehen? Ist das Zimmer nicht viel zu teuer? Wird sich am Ende vielleicht der Vermieter anstellen, wegen der Bürokratie? Wie viel Verantwortung tragen wir am Ende für den jungen Mann? Und möchten wir das?

„Es muss einfach passen“

Wir treffen bereits eine Entscheidung, bevor er nur geklingelt hat: Wer bei uns einziehen möchte, der muss in erster Linie zu uns passen. Mit dem müssen wir uns verstehen, mit ihm lachen, ihm morgens verschlafen über den Weg laufen – wer bei uns einzieht, sollte auch Teil unserer kleinen Familie werden wollen. Und dabei ist es egal, welches Geschlecht, welches Alter, welche Religion, welche Nationalität oder welches was auch immer. Es passt. Oder es passt eben nicht.

Während des Gesprächs sich heraus: Es passt nicht mit dem Syrer. Er will sich integrieren, ja. Aber er interessiert sich nicht für uns. Stellt keine einzige Frage zu unserer Person. Stattdessen wollte er direkt mit dem Vermieter über seinen Einzug sprechen. Dass wir die Entscheidung über einen Einzug treffen, hat er nicht verstanden. Oder nicht verstehen wollen? Wir fragen, ob er schon angefangen hat, Deutsch zu lernen – aus Interesse, immerhin ist er ein halbes Jahr hier. Nein, sagt er. Seine zehn Mitbewohner hätten ihn davon abgehalten. Was auch immer das heißen soll.

Es passte einfach nicht

Nach dem Gespräch, der Entscheidung schwirrt besonders eine Frage in meinem Kopf herum: War unsere Ablehnung richtig? Wir reden darüber. Liegt es vielleicht an kulturellen Unterschieden, dass er sich so verhalten hat? An seinen Erlebnissen? Müssten wir mehr Verständnis aufbringen für ihn, seine Reaktionen? Ja, vielleicht.

Nur: Wem hilft es, wenn ein Syrer bei uns einzieht, zu dem wir es nicht schaffen, eine zwischenmenschliche Beziehung aufzubauen? Ja, ich habe ein schlechtes Gewissen. Wie es bei meinen anderen Mitbewohnern aussieht, kann ich nicht sagen. Aber wir sind uns einig: Es passt nicht. Und ein schlechtes Gewissen ist keine Basis für ein Zusammenleben. Zumindest nicht für uns.

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