Der Flüchtling

[Er] Stumme braune Augen. Die Hände tief in den Taschen der abgetragenen Levis Jeans. Levis, immerhin. Der Blick gesenkt, auf die Füße, die sich in einem ewigen Rhythmus voreinander setzen. Morgens abmelden, abends anmelden, dazwischen immer um den Block. Oft begegnet er denselben Leuten. Fühlt er sich willkommen? Seine Augen verraten es nicht.

[Sie] Blicke aus dem Fenster, morgens, mittags, abends. Geradeaus ein Innenhof, schräg links Fenster eines Erstaufnahmelagers, in den Fenstern Gesichter. Menschen, die uns fremd sind und für die wir fremd sind. Menschen, für die man gerne weniger fremd wäre.
Jeden Morgen zur gleichen Zeit, ein Junge, pünktlich wie ein Wecker. Levis Jeans, die man nur erkennt, wenn man ihn auf der Straße sieht, und selbst dann kaum, so verblasst ist das Logo. Den Blick gesenkt, ein schüchterner Blick nach oben, bei einem freundlichen „Hallo“, mal auf Arabisch mal auf Deutsch. Manchmal ein flüchtiger zweiter Blick, dann wieder schweigen die braunen Augen.

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Stille Beobachter

Sie bewegen sich nicht. Regungslos lehnen sie an einer Mauer, mit einem Bein über Kreuz oder einem Fuß an der Wand, lässig. Ob sie blinzeln, sieht man wegen der dunklen Sonnenbrillen nicht, man glaubt es nicht. Aber man fühlt ihre Blicke, die einem folgen, beobachten. Sie stehen immer an der gleichen Stelle. Morgens, mittags, abends, nachts. Immer lässig, regungslos, beobachtend. Immer eine Hand in der Nähe des Pfeffersprays, die andere ruht oberhalb des Schlagstocks. Das Schild lehnt an der Wand, die Gasmaske hängt um den Hals, lässig, ohne sich zu bewegen.

Zwischenstopp

„I don’t like Germans, I don’t like Europe, I don’t like the Americans. I love my country, and the Arabs. But I’m waiting for my German passport to live there.“ Er ist einer von vielen in Athen. Gestrandet auf der Flucht in den Westen, weg von zu Hause, weil zu Hause keine Zukunft mehr hat. In den Westen, den man nicht mag, weil man sein eigenes zu Hause viel lieber mag. Aber im Westen sind Bekannte, Freunde, Familie. Dafür könnte es sich lohnen, nach Deutschland zu gehen. Und solange wartet er hier, in der Al Salam Moschee in Athen.

Augenblicke

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Die Hand unermüdlich aufgehalten. Schmutz wie kleine Halbmonde unter den Fingernägeln.
„Schekel, Schekel!“ [palästinensische Währung]. Dazu ein Lachen, wie es nur Kinder können. Breit, unschuldig, unbelastet von den Sorgen des Alltags.
Die Eltern besorgt, schicken ihre Kinder zu den Touristen.
Vertrieben aus ihrer Heimat.
Palästinensische Beduinen.
Im Niemandsland zwischen israelischer Siedlung und palästinensischer Stadt.
Ein Blitz, ein Klick, ein erstauntes Kinderlachen.
„Foto, Foto!“ Die fordernd aufgehaltene Hand schließt sich um meine. Braun neben weiß. Schwarze Halbmonde neben vor Sonnenmilch blasser Haut.

“Me and the riots“

Ein lauter Knall. Noch einer. Zwei große Müllcontainer liegen in einer Gasse im Zentrum von Athen auf der Seite. Müllreste haben sich auf der Straße verteilt. Sie brennen. Der Inhalt der Tonnen wird von den Flammen verschlungen. Der Geruch von versengendem Kunststoff beißt in der Nase. Niemand kommt aufgeregt herangeeilt. Vorbeigehende Passanten würdigen den Tonnen nur einen kurzen Seitenblick, nicht auf die brennenden Müllreste treten. Vereinzelt wird ein Smartphone aus der Tasche gezogen. Ein kurzes Selfie, abends um elf, ich und die brennenden Containern, für die Freunde.

Für einen Nachmittag

Zielstrebig tritt Frank K. durch die schwere Eisentür, die sich von innen direkt wieder verriegelt, nach draußen. Ohne nach links oder nach rechts zu schauen eilt K., schwarzer Jogger, abrasierte Haare, goldene Halskette mit Kreuz und kleines Tattoo im Nacken, auf eine Frau zu. Sie wartet in bunt geblümter Leggings und imitierter Lederjacke etwas abseits der dicken Mauer mit dem Stacheldraht. In der einen Hand eine leuchtend-gelbe Plastiktüte vom Netto gegenüber, an der anderen ein kleines Mädchen, das nervös aus der Unterlippe kaut. Es gibt kein Hallo, nur eine flüchtige Umarmung für die Frau und einen schnellen Kuss für das Kind auf die Wange. K. streckt die Hand aus, wippt mit dem rechten Fuß. Die Frau gibt ihm eine Zigarette. Er macht sie an, ein tiefer Zug. Gut. K. hat Ausgang, für einen Nachmittag.